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Fantasy in den Highlands · ab 12 Jahren
Cover Die Schatten von Glenwynd

Band 1 der Glenwynd-Reihe

Die Schatten von Glenwynd

Nia O'Donnell kam nach Glenwynd, um zu vergessen. Doch ein einziger Moment am Steinkreis reißt etwas in ihr auf, das nie hätte erwachen sollen.

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Die Schatten von Glenwynd

Kapitel 1 · Nebel über Glenwynd

Der Morgen kroch über Glenwynd wie eine zögernde Katze, leise, grau und mit der festen Absicht, sich nicht zu beeilen. Ich stand hinter der Theke des Salt & Pines, meine Handflächen flach auf dem Holz, und sah durch das beschlagene Fenster hinaus auf den Marktplatz, wo der Nebel zwischen den alten Steinhäusern hing wie vergessene Wäsche auf einer Leine. Halb acht. Hinter mir kämpfte sich die Kaffeemaschine fauchend durch ihren ersten Durchlauf, und ehrlich gesagt klang sie genau so, wie ich mich fühlte. Es roch nach frischen Scones und nach dem Torffeuer, das Maeve, seit ich denken konnte, im hinteren Ofen unterhielt, nun ja, jedenfalls seit zwei Jahren, was in Glenwynd ungefähr auf dasselbe hinauslief. Im Radio murmelte der Wetterbericht etwas von Aufhellungen am Nachmittag, allerdings behauptete er das jeden Tag. Der Nebel und ich, wir wussten es besser.

Hier drin war alles berechenbar, und genau danach hatte ich gesucht. Holzbänke, deren Kanten von Jahrzehnten glatt geschliffener Jackenärmel glänzten. Mr Hendersons Stammplatz am Fenster, den er verteidigte wie andere Leute ihr Vaterland. Die kleine Glocke über der Tür, die jeden Morgen dieselbe helle Melodie spielte, ob man Lust darauf hatte oder nicht. Glenwynd war voll von solchen Dingen, die scheinbar schon immer da gewesen waren, und ich hielt mich an ihnen fest wie an einem Geländer.

Um Viertel vor acht kamen die Bauarbeiter, vier Mann, die drüben an der alten Schule das Dach neu deckten und ihre Frühstücksbestellung seit Wochen nicht ein einziges Mal geändert hatten. Ich stellte ihnen die Teller hin, bevor der Erste den Mund aufmachte, und erntete dafür das anerkennende Nicken von Männern, die Pünktlichkeit für eine Charaktereigenschaft hielten.

Genau dafür liebte ich diesen Job. Man wusste, was kam. Man wusste, wer was wollte. Und wenn man alles richtig machte, passierte den ganzen Tag lang absolut nichts, und niemand konnte etwas dafür, am wenigsten ich.

Maeve hatte mich vor zwei Jahren eingestellt, nach einem Vorstellungsgespräch, das aus genau zwei Fragen bestanden hatte.

Ob ich früh aufstehen könne und ob ich wüsste, wie man Porridge macht, ohne ihn anbrennen zu lassen. Ich hatte beides bejaht, die zweite Frage etwas zuversichtlicher, als es die Wahrheit eigentlich hergab, und seitdem gehörte ich zum Inventar. Sie hatte mich dabei einen Moment zu lange gemustert, fand ich später, wenn ich daran zurückdachte, so, wie man ein Gesicht mit einem viel jüngeren vergleicht. Aber in jenem Moment hatte ich es einfach für Gründlichkeit gehalten.

Maeve stellte keine Fragen, auch nicht, woher ich kam. So, wie man niemanden fragt, dessen Antwort man längst zu kennen glaubt. Vielleicht war das der eigentliche Grund, warum ich geblieben war.

Zwei Jahre, seit ich aus Edinburgh hierher gekommen war.

Zurückgekehrt traf es nicht, das Wort hatte etwas Geplantes.

Geflohen kam der Sache schon näher.

Dabei war mir Glenwynd nie fremd gewesen. Als Kind hatte ich hier viele Sommer verbracht, die sich in meiner Erinnerung endlos anfühlten, voller Bachwasser und aufgeschlagener Beine.

Das Dorf hatte sich seither kaum verändert, und vermutlich hatte ich es genau deshalb ausgesucht, als alles andere zerbrach. Ein Ort, der sich weigerte, anders zu werden, war das Einzige, was ich noch aushielt.

Manchmal kam Edinburgh trotzdem zurück, wenn der Regen gegen die Scheiben peitschte. Nasser Asphalt. Gelbes Regenzeug.

Der Moment, kurz bevor die Reifen rutschten.

Ich hatte es gewusst. Zwei Tage vorher hatte ich es gewusst, und ich hatte es ihr gesagt, und es hatte nichts genützt. Ich presste die Handflächen auf das Holz, bis das Bild verschwand. So machte ich das meistens. Blinzeln und weitermachen. Ich war inzwischen ziemlich gut darin.

„Nia, Liebes, schenkst du Mr Henderson noch mal nach? Du weißt ja, wie er wird, wenn sein Kaffee kalt wird.“

„Ich weiß“, sagte ich und griff schon nach der Kanne. „Letzte Woche hat er mich angesehen, als hätte ich seinen Hund getreten. Dabei hat er gar keinen Hund.“

„Er hatte mal einen.“

„Und? Hab ich den auch getreten?“

Maeve schnaubte, dieses kurze Schnauben, das bei ihr als Lachen durchging und das ich heimlich als kleinen Sieg verbuchte.

Sie stand an der Spüle und hatte ihre grauen Haare zu einem praktischen Knoten hochgesteckt. Ihre Schürze war schon am frühen Morgen mit Kaffeespritzern und Mehl gezeichnet, und ihre Hände waren keine Sekunde still, denn sie konnte es nicht ertragen, nichts zu tun. „Geh schon, bevor er anfängt, mit der Tasse zu winken. Das will keine von uns“, sagte sie und grinste.

Ich ging mit der Kanne zwischen den wenigen besetzten Tischen hindurch zu Mr Henderson. Er saß am Fenster, die Highland News vor sich ausgebreitet, die Lesebrille so gefährlich nah an der Nasenspitze, dass man jeden Moment mit einem Unglück rechnete. Er trug denselben braunen Wollpullover wie an jedem anderen Tag, den ich ihn kannte. Manche Menschen in Glenwynd alterten nicht richtig. Sie wurden nur fester, wie die Steine in den Mauern.

„Noch etwas Kaffee, Mr Henderson?“

„Aye, Mädchen.“ Er hob die Tasse einen halben Zentimeter, was bei ihm einer Ansprache gleichkam. „Dann sehe ich vielleicht durch den Nebel, was in der Welt da draußen noch so los ist.“ Dabei blickte er nicht auf. Das war in Ordnung, denn das gehörte dazu. Wir kannten uns seit zwei Jahren, er, der wortkarge Stammgast, und ich, die ihm seinen Kaffee so schwarz brachte wie die Torfmoore hinter den Hügeln. In den zwei Jahren hatten wir so ungefähr ein ganzes Gespräch geführt, verteilt auf etwa zwanzig Wörter. Ich mochte das an ihm. Mr Henderson erwartete nichts von mir außer heißem Kaffee und Ruhe, und beides konnte ich liefern. Ich schenkte ihm nach, er brummte etwas, vermutlich ein Dankeschön, und ich überließ ihn wieder seiner Zeitung. Heute regte ihn ein Leserbrief über die geplante Umgehungsstraße auf, das sah ich an der Art, wie sein Zeigefinger auf die Seite tippte. Die Umgehungsstraße wurde seit ungefähr fünfzehn Jahren geplant.

Manche Aufregungen hält man sich in Glenwynd wie andere Leute Haustiere.

Zurück hinter der Theke lehnte ich mich gegen die warme Holzplatte und ließ meinen Blick wieder nach draußen wandern.

Das Dorf erwachte in seinem üblichen Schneckentempo. Mrs MacLeod schob das klappernde Rollgitter ihres Zeitungsladens hoch, was klang wie das Niederschlagen einer kleinen Revolution nebenan. Zwei Häuser weiter stellte der Bäcker die ersten Brote in die Auslage. Der Nebel hing, wo er immer hing, und dachte gar nicht daran zu gehen. Der Postbote schob sein rotes Fahrrad über das Kopfsteinpflaster, weil Fahren sich bei dem Wetter nicht lohnte, und irgendwo hinter den Dächern beschwerte sich ein Hahn, der den Zeitpunkt für den Sonnenaufgang großzügig auslegte.

Manchmal fragte ich mich, ob es in Glenwynd überhaupt richtige Sonnentage gab oder ob ich mir die nur eingebildet hatte.

In meiner Kindheitserinnerung war da Licht, hell und klar, aber vielleicht gehörten diese Bilder inzwischen eher nach Edinburgh als hierher. Hier war alles gedämpft, und das war mir recht.

Gedämpftes Licht warf keine plötzlichen Bilder in meinen Kopf.

Jedenfalls nicht dann, wenn ich es verhindern konnte, und verhindern konnte ich inzwischen eine Menge.

„Du siehst müde aus.“ Maeve stellte einen Teller mit Toast und Rührei vor mich hin, und das war kein Angebot. „Isst du eigentlich sonst noch irgendetwas anderes, das nicht aus Kaffee besteht?“

„Hatte gestern eine lange Onlinevorlesung“, sagte ich und schob mir eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus meinem Zopf befreit hatte, kupferrot, störrisch und genauso wenig bereit, sich an Pläne zu halten, wie der Rest von mir. „Keltische Mythologie. Professor MacIntyre hat zwei Stunden über Steinkreise geredet. Zwei Stunden, Maeve. Ich habe ernsthaft überlegt, ob man an Folklore sterben kann, rein wissenschaftlich natürlich.“

„Steinkreise.“ Maeve schnaubte und griff nach dem Lappen, obwohl die Theke längst sauber war. „Als ob wir davon hier nicht schon genug hätten.“

Sie meinte den Kreis am Waldrand, über den die Leute flüsterten, den die Touristen fotografierten und den die Einheimischen so gründlich mieden, wie man ein Grundstück mit einem Verbotsschild mied. Ich war noch nie richtig dort gewesen.

Als Kind waren wir einmal vorbeigekommen, und meine Mutter hatte meine Hand so fest gehalten, dass mir die Finger weh taten.

Sie hatte mich schnell weitergezogen, mit einer Angst in den Augen, dass ich zu lange an diesem Ort verweilen könnte. Damals hatten die Bilder schon angefangen, kleine helle Blitze hinter den Augen, Szenen, die keinen Sinn ergaben. Du hast zu viel Fantasie, Nia, hatte meine Mutter dann jedes Mal gesagt, bis ich es selbst glaubte. Es ist erstaunlich, was man alles glaubt, wenn man es nur oft genug gesagt bekommt.

Manchmal, wenn ich zu hartnäckig fragte, wer meine Familie eigentlich gewesen war, bevor sie nach Edinburgh zog, wechselte meine Mutter das Thema mit einem Namen, den sie nie erklärte.

Großmutter Alisa, hieß es dann nur, knapp und abschließend, ein Punkt, hinter den keine Frage mehr durfte. Ich hatte nie nachgehakt. Manche Türen lässt man zu, weil niemand einem gezeigt hat, wo der Schlüssel liegt.

Und da war jetzt die Ironie: Ich studierte inzwischen ausgerechnet die Mythen, um die ich in meinem ganzen, echten Leben einen großen Bogen gemacht hatte. Auf dem Papier konnte einem eine Legende nichts anhaben, denn auf dem Papier blieb alles ordentlich dort, wo es hingehörte, nämlich bei den anderen.

Die Glocke über der Tür klingelte. Kalte Morgenluft strömte herein, und mit ihr ein junger Mann, den ich noch nie gesehen hatte, was an sich schon bemerkenswert war. Ich kannte in Glenwynd nämlich jeden, bis hin zu der Frage, wer wem seit 1982 nicht mehr guten Tag sagte. Ihn kannte ich nicht.

Er blieb einen Moment im Türrahmen stehen, und sein Blick ging durch den Raum, bevor er sich bewegte. Er sah vorbei an all den Gesichtern, bis hin zu dem Flur, der zur Hintertür führte. So schaute normalerweise nur jemand, der zuerst wissen wollte, wo es in einem fremden Raum wieder hinausging. Dann erst trat er ein.

Am Tisch der Bauarbeiter wurde das Gespräch für einen Moment leiser, so wie Gespräche eben leiser werden, wenn jemand Neues den Raum betritt, den man nicht einordnen konnte. Mrs Morrison ließ ihre Stricknadeln sinken und musterte ihn gründlich. Fremde waren in Glenwynd ein Ereignis, so ungefähr auf einer Stufe mit Hagel im August.

Er bewegte sich lautlos und schob sich am vollbesetzten Tisch der Arbeiter vorbei, ohne einen einzigen Stuhl zu streifen. Doch es waren seine Augen, die mich festhielten. Grün wie das Moos an den Nordseiten alter Steine, dazu schwarzes Haar, im Nacken locker zusammengebunden. Der Wollpullover hatte schon viele Winter gesehen, und an seinen Stiefeln klebte frischer Waldschlamm, was ich allerdings erst viel später bemerkte. Zuerst hatte ich nur für seine Augen einen Blick übrig gehabt.

Etwas zog sich in meiner Brust zusammen. Da war ein Kribbeln, fein und unangenehm vertraut. Ich würgte es schnell ab, aus reiner Gewohnheit, so wie man sich gegen eine Tür stemmt, bevor man nachsieht, wer geklopft hat.

„Setz dich, wohin du magst“, sagte ich, weil es mein Job war, etwas zu sagen, und nicht, weil mir in diesem Moment etwas Geistreiches eingefallen war. Meine Stimme kam eine halbe Oktave zu hoch heraus. Großartig. Sehr souverän, Nia.

Er nickte und ging durch das Café, schnurgerade zum hintersten, dunkelsten Tisch. Dort ließ er sich auf einen Stuhl sinken, den Rücken zur Wand, das Gesicht zur Tür, so, wie hier sonst nur Leute saßen, die Ärger erwarteten oder vor etwas davonliefen.

„Neugierig?“ Maeve war lautlos neben mir aufgetaucht, das war ihre Art, die sie hatte und die mich nach zwei Jahren immer noch erschreckte. Ihre Stimme war reinstes verschwörerisches Flüstern.

„Ich kenne ihn nicht“, sagte ich, was keine Antwort auf ihre Frage war, und das wussten wir beide.

„Aurin MacGregor.“ Sie begann, die bereits blitzsaubere Theke zu polieren. Das war eine Angewohnheit, die bei ihr immer dann ausbrach, wenn irgendetwas ihre Aufmerksamkeit gepackt hatte und sie nicht mehr losließ. „Er ist vor ein paar Wochen zurückgekommen. War lange weg, studiert oder so etwas in der Art. Die MacGregors leben seit Generationen draußen im Wald, auf dem alten Anwesen. Sein Vater ist letztes Jahr gestorben.“ Eine kleine Pause, in der der Lappen innehielt. „Alleine da draußen, der Junge, na ja, kein schöner Gedanke.“

Sie sagte es in dem Tonfall, den sie für Menschen reservierte, die ihrer Meinung nach dringend eine warme Mahlzeit brauchten.

„Die MacGregors waren allerdings schon immer eigene Leute“, fügte sie hinzu und nahm den Lappen wieder in die Hand. „Sein Vater kam einmal im Monat ins Dorf, hat gekauft, was er brauchte. Er hat nie viele Worte dagelassen. Kein schlechter Mann, nur einer, der die Bäume lieber mochte als die Menschen.“ MacGregor. In meinem überforderten Kopf setzte sich der Name fest wie eine Klette. Ich war mir sicher, ihn schon einmal gehört zu haben, und dann fiel es mir wieder ein: auf einer von MacIntyres Karten, eine dieser alten Linien, die er zwischen den Steinkreisen gezogen hatte, Verbindungen, die man sonst nicht sehen, aber auf seinen Karten deutlich erkennen konnte, da hatte irgendwo am Rand MacGregor gestanden, in einer Schrift, die so verblasst war, dass ich nicht beschwören konnte, ob ich es wirklich gelesen oder mir nur eingebildet hatte. Bei mir war das ja immer ein bisschen die Frage, aber gut, anderes Thema.

„Willst du ihn bedienen, oder soll ich?“ Maeve schob mir den Notizblock hin, mit einem Gesichtsausdruck, der so unschuldig war, dass er praktisch ein Geständnis darstellte.

„Ich gehe schon“, sagte ich, etwas zu schnell, nahm den Block und war weg, bevor sie ihr Grinsen zu Ende grinsen konnte.

„Was darf ich dir bringen?“

Er sah mich an und für einen Moment war da nur sein Blick, und das Kribbeln, das ich vorhin so ordentlich weggesperrt hatte.

„Tee, bitte“, sagte er, mit diesem weichen Klang des Nordens, den so viele hier hatten, „schwarz, kein Zucker.“

„Sonst noch etwas?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“

Die meisten Leute füllten ihre Wartezeit mit irgendetwas aus.

Sie zupften an der Speisekarte, sahen aufs Handy, oder rückten die Zuckerdose gerade. Er aber saß einfach nur da, vollkommen ruhig, und diese Ruhe war keine Leere. Beschreiben konnte ich sie trotzdem nicht.

Ich nickte und drehte mich um. Sein Blick lag auf meinem Rücken wie eine Hand zwischen den Schulterblättern. Beim Aufbrühen klirrte die Tasse, einmal hell und verräterisch, gegen die Untertasse, und ich hasste mich ein bisschen dafür. Er war ein Gast. Ein Gast mit schönen Augen, gut, das kam vor. Dafür gab es keinen Grund, Geschirr klappern zu lassen und sich wie ein nervöses Schulmädchen zu verhalten. Als ich zurückkam, lag ein kleines Buch vor ihm auf dem Tisch, offenbar alt, die Seiten waren vergilbt. Es hatte keine Druckschrift, sondern eine enge, altmodische Handschrift, Zeile um Zeile, mit Randnotizen in anderer Tinte. Von der Theke aus hatte ich nicht viel erkennen können, allerdings sagte ich mir, dass mich das auch nichts anging.

Die nächsten zwei Stunden krochen wie zäher Honig dahin.

Mrs Morrison mit ihrer ewigen Strickarbeit, mit der sie sich seit meiner Ankunft in Glenwynd beschäftigte und die trotzdem nie länger zu werden schien. Der junge Lehrer, der seinen Kaffee schon im Aufstehen trank, weil er chronisch zu spät war. Die Wandergruppe aus Inverness, die Wegbeschreibungen sammelte wie für eine Expedition und dann doch nur bis zum Aussichtspunkt laufen würde. Zwischendurch holte Fiona aus dem Wollladen ihren Milchkaffee bei uns zum Mitnehmen, und Old Robbie aus dem Haus neben der Kirche wollte wie jeden Tag wissen, ob wir inzwischen „diesen italienischen Kuchen“ führten, womit er Tiramisu meinte, und nahm dann, wie jeden Tag, den Apfelkuchen.

Das Café atmete in seinem gewohnten Rhythmus, und normalerweise atmete ich mit. Heute allerdings lief unter allem ein zweiter Takt, leise und fremd, und er kam da hinten, aus der dunklen Ecke. Ich servierte Porridge, räumte Teller ab und lächelte an den richtigen Stellen. Die ganze Zeit wanderten meine Gedanken in dieselbe dunkle Ecke, wo Aurin saß und an seinem Tee nippte, der längst kalt sein musste.

Er hielt das Buch nur fest, offenbar, damit seine Hände etwas zu tun hatten. Manchmal sah er aus dem Fenster in den Nebel und schien dort etwas zu suchen. Und ich, ich ertappte mich dabei, wie ich immer wieder zu ihm hinsah. Aus den Augenwinkeln natürlich, im Spiegel hinter der Theke, oder über den Rand der Kaffeemaschine hinweg. Es war beschämend, ehrlich.

Irgendwann gegen elf stellte Maeve kommentarlos ein Stück Shortbread auf einen Teller und drückte ihn mir in die Hand.

„Aufs Haus“, sagte sie, mit einem Nicken Richtung dunkle Ecke.

„Der Junge hat bestimmt seit Tagen nichts Ordentliches gegessen, das sehe ich ihm an.“

Ich brachte es ihm. Er sah von seinem Buch auf, erst auf den Teller, dann zu mir, und für einen Moment lag ehrliche Überraschung in seinem Gesicht, denn er war es nicht gewohnt, dass jemand an ihn dachte. „Danke“, sagte er leise, mehr nicht.

Aber er sagte es so, dass es mir den Rest des Vormittags nicht mehr aus dem Kopf ging.

„Wenn du ihn noch länger anstarrst, fängt er Feuer“, murmelte Maeve, als sie mit einem Tablett vorbeiglitt.

„Ich starre doch nicht.“

„Natürlich nicht. Und ich bin die Königin von Schottland.“ Ich öffnete den Mund, um etwas Würdevolles zu erwidern, fand aber auf die Schnelle nichts Passendes, und schloss ihn wieder. Maeve trug ihr Tablett davon und sah sehr zufrieden mit sich aus. Das Schlimme an Maeve war nicht, dass sie einen durchschaute, nein, das Schlimme war, dass sie es einen dann noch so freundlich wissen ließ.

Kurz nach zwölf, als das Mittagsgeschäft sich verlaufen hatte und nur noch ein paar Nachzügler müde an ihren Tassen hingen, stand Aurin auf. Er legte ein paar Münzen auf den Tisch, exakt den richtigen Betrag, kein Trinkgeld, keinen Penny zu viel, so genau und überlegt wie alles an ihm schien.

Dann ging er zur Tür, blieb stehen und drehte sich noch einmal um. Unsere Blicke trafen sich, und diesmal lag etwas darin, das schwerer wog als ein gewöhnlicher Abschiedsblick. Er nickte kaum merklich, dann war er draußen. Die Glocke klingelte, kalte Luft strich über den Boden, und der Nebel verschluckte ihn sofort.

Ich rieb mir über die Unterarme. Mir war plötzlich kalt, und es lag nicht an der Zugluft der Tür.

„Komischer Kauz“, befand einer der Bauarbeiter, ohne von seinem Teller aufzusehen. Mrs Morrison strickte eine weitere Reihe zu Ende und sagte gar nichts, was bei ihr mehr Gewicht hatte als jedes Urteil. Und nun stand ich mit einem Lappen in der Hand da und wurde das unbequeme Gefühl nicht los, dass dieser Vormittag später nicht einfach vorbei war, nur weil er vorbei war.

Der Rest der Schicht verging, wie Schichten eben vergehen, wenn der Kopf woanders hing. Ich gab falsches Wechselgeld heraus, entschuldigte mich, gab noch einmal falsches Wechselgeld heraus und schob es auf die Müdigkeit.

Um eins war meine Schicht vorbei. Ich hängte die Schürze an den Haken, zog meinen dicken Mantel an und wickelte meinen Schal hoch bis ans Kinn. Maeve beobachtete mich dabei mit einem Blick, der deutlich machte, dass sie mir kein Wort glaubte, und drückte mir zum Abschied eine Tüte mit zwei Scones in die Hand.

„Iss was, Kind, und was auch immer du jetzt vorhast, zieh deine Kapuze hoch.“

Manchmal fragte ich mich, ob Maeve Dinge einfach wusste oder ob es nur gute Menschenkenntnis war.

Vermutlich Letzteres. Beruhigender war das nicht.

Draußen legte sich der Nebel sofort, feucht und kühl, auf meine Haut, und kroch unter meine Kleidung, wohin ich ihn nicht eingeladen hatte. Eigentlich war der Plan, jetzt nach links abzubiegen. Ich sollte in meine Wohnung über der Bäckerei gehen, duschen und lernen für die Prüfung nächste Woche, so wie an jedem anderen Mittag auch. Stattdessen blieb ich stehen.

Aus dem Dorf führte die Straße geradeaus hinaus, vorbei an den letzten Steinhäusern, zu den Feldern, in den Wald, dorthin, wo der Pfad zum Steinkreis begann.

Die Luft hier roch gut nach frischem Brot. Über der Bäckerei brannte Licht in meinem Küchenfenster, weil ich morgens meistens vergaß, es auszumachen. Für einen kleinen Moment kam mir meine eigene Wohnung vor wie etwas, das ich von außen betrachtete. Da oben wohnte eine Nia, die gleich duschen und lernen musste. Ich war nur nicht mehr sicher, ob ich das wirklich noch war.

Ich kannte dieses Geradeaus, das war ja das Beschämende daran. Jeden Mittag stand ich einen Atemzug zu lange an dieser Ecke und sah genau auf diese Straße, und jeden Mittag bog ich dann doch nach links ab, ohne mir etwas anmerken zu lassen.

Zwei Jahre lang hatte das funktioniert. Zwei Jahre, in denen ich um jeden Ort einen Bogen gemacht hatte, der auch nur entfernt nach einer Vision roch. Eine echte Meisterin im Bogenmachen, ja, das war ich geworden. Es stand nur leider in keinem Lebenslauf.

Heute aber hing noch etwas anderes in der feuchten Luft. Der Blick des Fremden, kurz bevor der Nebel ihn verschluckt hatte.

Dieses lange, prüfende Hinsehen, das sich angefühlt hatte wie eine Frage, auf die ich seit zwei Jahren beharrlich die Antwort verweigerte. Die ganze letzte Stunde hatte ich Tassen poliert, die längst sauber waren, und die ganze Zeit hatte es leise und hartnäckig in meinen Fingerspitzen gekribbelt. Etwas wartete darauf, dass ich endlich hinsah.

Ich war es so leid, wegzulaufen. Ich war müde auf eine Art, die mit Schlaf nichts zu tun hatte. Man konnte eine Tür sehr lange zuhalten, aber man stand dann eben die ganze Zeit davor und kam nirgendwohin, und fragte sich, wer hier eigentlich wen festhielt.

Die Schuld an Sarahs Unfall trug ich ohnehin jeden Tag wie einen schweren Stein in meiner Jackentasche mit mir herum, das war Last genug. Aber vor dem Weglaufen kam noch etwas, das schwerer wog, nämlich das ewige Nichthinsehen, das Wegdrücken und das Verdrängen. Heute beschloss ich, dass ich hinsah, nur dieses eine Mal.

Meine Hand umfasste fest den kalten Riemen meiner Tasche, dann ging ich mutig geradeaus.

Meine Stiefel klackten auf dem nassen Pflaster, bis der Untergrund weicher wurde und Glenwynd hinter mir zurückblieb. Die Häuser wurden seltener und dann gab es keines mehr. Die Straße schrumpfte zu einem Pfad und der Pfad wurde zu kaum mehr als einer Spur zwischen Gras und Heidekraut. Nur das Heidekraut trotzte dem Nebel, zäh und in sattem Violett, und schien ihn gar nicht zu bemerken.

Am Ortsrand stand ein alter Wegweiser, dessen Beschriftung schon so verwittert war, dass ihn nur noch Leute lesen konnten, die den Weg ohnehin kannten. Ich kam an der letzten Straßenlaterne vorbei, die tapfer gegen den Nebel anleuchtete und dabei ungefähr so viel ausrichtete wie eine Kerze in einem Brunnen. Danach gab es nur noch mich, den Pfad und dieses Ziehen unter meinem Brustbein, das ich mit jedem Schritt deutlicher spürte und das ich stur als Aufregung verbuchte. Ganz normal, sagte ich mir, das war alles ganz normal.

Der Wald nahm mich auf wie eine Umarmung, von der man nicht ganz sicher ist, ob man sie wollte. Da waren hohe Kiefern, deren Äste sich über mir zu einem lebendigen Dach verschränkten. Das Licht schien grünlich, der Geruch wechselte von nassem Stein zu Erde und Harz, und der Boden gab unter meinen Füßen federnd nach. Er war weich und dicht, und von Moos und alten Nadeln überdeckt. Der Nebel hing auch hier, aber er war anders als im Dorf. Er war hier irgendwie schwerer.

Es konnte auch sein, dass ich dringend mehr Schlaf brauchte, das war die deutlich vernünftigere Erklärung, und auf vernünftige Erklärungen hatte ich mich in den letzten zwei Jahren geradezu spezialisiert. Vermutlich war es also die Müdigkeit.

Vermutlich.

Irgendwo über mir krächzte ein Rabe. Ich hob meinen Kopf, fand aber nicht einmal den Umriss eines Flügels, nur das dunkle Echo seines Rufes, das zwischen den Stämmen hin und her sprang, sodass ich nicht sagen konnte, aus welcher Richtung es kam.

Ich war schon oft in Wäldern gewesen. Ich mochte Wälder.

Dieser hier hatte allerdings etwas an sich, das ich nicht benennen konnte, denn er schien bemerkt zu haben, dass ich da war, und trotzdem konnte ich es nicht beschreiben. Zwischen den Stämmen bewegte sich nichts. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas mit mir Schritt hielt.

Einmal blieb ich stehen, einfach um mir selber zu beweisen, dass ich es konnte. Der Nebel schloss sich hinter mir, und der Weg zurück sah plötzlich genauso aus wie der Weg nach vorn. Na großartig. Auch eine Methode, Entscheidungen zu vereinfachen.

Vielleicht war das das Unheimlichste an diesem Tag, wie sicher meine Füße einen Weg fanden, den sie von klein auf nie wieder gegangen waren.

Ich wusste nicht, wann ich angefangen hatte zu zittern. Die Kälte vielleicht, oder das leise Summen in der Luft, das mit jedem Schritt tiefer in den Wald ein wenig stärker wurde. Etwas kam auf mich zu. Auf mich, ja genau auf mich, nur wusste ich nicht was.

Dann öffnete sich der Wald, und die Lichtung war so plötzlich da, dass ich stehen blieb. Der Nebel lag tief über dem kurzen Gras, und mitten darin befand sich der Steinkreis. Zwölf Steine, jeder so hoch wie zwei Männer, grau und von Flechten überzogen. Sie standen hier vermutlich schon, bevor es das Wort Glenwynd überhaupt gab, und sie würden wohl noch stehen, wenn Glenwynd längst vergessen sein würde. Von hier aus wirkten sie kleiner, als die Leute erzählten, und gleichzeitig größer, als solche Steine eigentlich sind. Das ergab keinen Sinn, ich wusste das. Es war trotzdem so. Der Nebel floss zwischen ihnen hindurch wie Wasser zwischen Felsen, und wo er den Kreis berührte, verlangsamte er sich, wie vor einer unsichtbaren Grenze, an der er um Erlaubnis fragen musste.

Noch ein Schritt trennte mich vom Kreis, den tat ich allerdings nicht. Eine unsichtbare Linie verlief dort, die ich nicht sehen, aber bis in die Zähne spüren konnte. Ich stand da und kam mir gleichzeitig albern und sehr wach vor. Das Summen in meinen Fingerspitzen war jetzt kein Kribbeln mehr, sondern ein feiner, gleichmäßiger Strom. Jemand drehte einen Regler auf, ganz langsam, damit ich es merkte.

Es war totenstill. Nicht die gewöhnliche Waldstille, in der irgendwo ein Zweig knackt, nein, es war eine Stille, so dicht, dass ich meinen eigenen Atem hörte. Ich sah zu den Steinen hinüber und hatte das lächerliche Bedürfnis, mich vorzustellen. Guten Tag, ich bin Nia, ich wohne über der Bäckerei und rede gerade in Gedanken mit euch Steinen. Zwei Jahre lang hatte ich alles richtig gemacht, und dann so etwas.

„Ich wusste, du kommst.“

Ich fuhr herum, die Finger fest um meinen Schal geklammert.

Aurin stand ein paar Schritte entfernt zwischen den Bäumen, immer noch ohne Jacke, nur in dem dunklen Pullover von heute Morgen. Sein Haar war feucht vom Nebel und einzelne Strähnen klebten an seiner Stirn. Die Erschöpfung, die im Café so schwer auf ihm gelegen hatte, wirkte hier draußen leichter. Der Wald hatte ihm sichtlich einen Teil davon abgenommen, denn er sah aus wie jemand, der lange unterwegs gewesen und endlich angekommen war.

„Was machst du hier?“ Meine Stimme zitterte, gerade genug, dass ich mich darüber ärgerte.

Er kam langsam einen Schritt auf mich zu. „Diese Frage stelle ich wohl eher dir.“

Die Ausrede, mit der ich im Café durchgekommen war, kam mir hier, vor diesen Steinen, lächerlich vor. Also ließ ich sie weg.

„Keltische Mythologie“, sagte ich stattdessen, und merkte sofort, dass ich drauf und dran war, ihm meinen halben Stundenplan herunterzubeten. Ich biss mir auf die Zunge und verschränkte meine Arme, „was allerdings nicht erklärt, warum ein Wildfremder ohne Jacke im Nebel an einem Steinkreis steht und meinen Namen kennt. Da hängst du aber gewaltig hinterher, was Erklärungen angeht, mein Lieber. Fang ruhig du damit an.“ Da erschien auf seinem Gesicht ein kurzes, schiefes Lächeln, das er nicht wirklich zurückhalten konnte. „Maeve hat ihn quer durchs Café gerufen. Ich höre meistens zu.“ Dann senkte er den Blick, sah zu den Steinen, und etwas in seinem Gesicht wurde weicher und im selben Moment sehr traurig.

Er stand einfach nur da und sah die Steine an, wie man ein Haus ansieht, in dem man früher gewohnt hat.

„Hör zu“, sagte ich. „Ich bin nicht durch den halben Wald gestapft, um jemandem beim Schweigen zuzusehen. Ich wollte allein sein, was du natürlich nicht ahnen konntest, du kennst mich ja kaum eine Stunde. Aber dass du gewusst hast, dass ich überhaupt herkomme, das kann kein Zufall sein. Also, was willst du?“

„Wenn ich es dir erkläre, gehst du.“ Er sagte es, ganz sachlich, ohne Vorwurf, und vielleicht blieb es genau deshalb so an mir hängen. „Alles, was ich sage, klingt verrückt, solange du es nicht selbst gespürt hast. Du glaubst mir sowieso kein Wort. Ich an deiner Stelle würde mir auch kein Wort glauben.“

„Dann lass es doch drauf ankommen.“

„Genau das versuche ich gerade.“ Er sah mich an und sagte dann ruhig: „Berühr einen der Steine.“

Ich starrte ihn an. „Wie bitte?“

„Bitte, Nia.“ Seine Stimme blieb ruhig, aber darunter lag eine Dringlichkeit, die mir nicht behagte. „Ich weiß, das klingt völlig absurd, aber ich muss wissen, ob du es auch spürst.“

„Ob ich was spüre?“ Ich lachte, kurz und ohne jede Freude daran. „Den kalten Stein? Oder die Flechten? Oder dass ich dringend nach Hause muss?“ Die Worte kamen schneller heraus als geplant, und wir wussten beide, was das bedeutete. Wer nichts spürte, der musste nicht so laut werden.

„Das wirst du wissen, wenn es passiert.“ Er sagte es leise, fast entschuldigend.

„Und wenn was passiert? Was genau soll ich spüren, Aurin?“

„Ich kann es dir nicht beschreiben. Ich habe es selbst nie in Worte fassen können.“

„Großartig.“ Ich verschränkte meine Arme, „und wenn ich etwas spüre? Was dann?“

Er zögerte, und in diesem Zögern lag mehr als in allem, was er bis dahin gesagt hatte. „Dann wissen wir beide etwas mehr, als wir heute Morgen wussten.“

Der Nebel bewegte sich langsam um die Steine herum, und zwischen uns war eine Stille, die mir nicht gefiel. Sie wartete auf etwas.

Er hielt meinem Blick stand, ruhig, unerschütterlich. „Nur einmal, Nia. Ein einziger Stein.“

„Und was, wenn ich nichts spüre?“

„Dann bringe ich dich zurück ins Dorf, und du bist mich los.“ Die Antwort kam eine Winzigkeit zu schnell, und für einen Moment schien er selbst beinahe darauf zu hoffen. Ausgerechnet das nahm mir den letzten Fluchtweg. Gegen Drängen konnte ich mich wehren. Gegen eine offene Tür nicht.

Meine Fingerspitzen summten inzwischen so deutlich, dass ich die Hände zu Fäusten schloss. Der Kreis wartete. Anders konnte ich es nicht nennen.

Ich drehte mich zum Steinkreis um. Jeder vernünftige Teil von mir wollte umkehren, zurück in den sicheren Nebel, zurück zu Kaffee und Toast und einer Welt, die so einfach war, wie ich immer behauptet hatte. Aber ich war nicht hierher gekommen, um vernünftig zu sein. Für einen Moment war Sarah wieder da, das gelbe Regenzeug, der nasse Asphalt, und mein Magen zog sich zusammen. Damals hatte ich gehandelt, und alles war nur schlimmer geworden. Seitdem hatte ich gelernt, lieber gar nicht mehr hinzusehen.

Es ist nur ein Stein, sagte der vernünftige Teil in mir, der Teil, der seit zwei Jahren das Reden übernommen hatte und ziemlich gut darin war. Granit. Ein paar Tonnen totes Gestein, das seit viertausend Jahren herumstand und noch nie jemandem etwas getan hatte. Touristen lehnen sich dagegen für Fotos und Schafe kratzen sich daran den Hintern. Du, Nia, legst einfach deine Hand darauf, spürst kalten Fels, lachst über dich selbst und gehst nach Hause zu deinem Toast.

Aber da war die andere Stimme, die leise, die ich zwei Jahre lang so gründlich überhört hatte, dass ich fast vergessen hatte, dass es sie gab. Wenn es nur ein Stein ist, flüsterte sie, warum summt deine Haut dann schon auf drei Schritt Entfernung? Warum klingt es bei diesem Fremden nach Leben und Tod? Und warum, Nia, machst du seit zwei Jahren einen Bogen um diese Lichtung, wenn hier wirklich nichts ist als Granit?

Ich hatte keine Antwort. Na ja doch, genauer gesagt hatte ich schon eine, ich wollte sie nur nicht.

Ich bewegte mich etwas nach vorn. Der Nebel wich vor mir zurück und machte mir Platz. Meine Schritte waren unheimlich leise auf dem feuchten Gras, und die Steine wuchsen, je näher ich kam. Ihre Oberflächen waren rau und flechtenüberzogen. Ich hob meine rechte Hand. Sie zitterte. Irgendwo hinter mir stand Aurin, still wie einer der Steine, und ich war ihm beinahe dankbar, dass er nichts sagte. Schon ein einziges aufmunterndes Wort reichte vermutlich aus, um mich aus reinem Prinzip wieder umkehren zu lassen. Nur einmal, sagte ich mir. Was soll schon passieren. Es war die letzte vernünftige Lüge, die ich mir erzählte, bevor ich die Handfläche auf einen Stein legte.

Kälte schlug mir entgegen, so heftig, dass mir der Atem wegblieb. Kalt, wie der Frost von tausend Wintern, der in einer einzigen Sekunde durch meine Finger kroch. Ich wollte meine Hand zurückreißen und konnte nicht. Etwas hielt mich fest, es war aber nicht körperlich, es war eher wie ein Sog, der von innen zog. Dann explodierte die Welt um mich herum.

Grelles, helles Licht traf mich, sodass es weh tat, und der Geruch von nassem Stein und Rauch füllte mir plötzlich den Mund. Mein Magen wurde schwer wie Blei. Bilder rasten durch meinen Kopf, viel zu schnell, um auch nur eines davon festzuhalten. Da war Feuer, irgendwo. Stimmen, die durcheinander riefen, in einer Sprache, die ich nicht kannte und trotzdem verstand. Und unter allem, ganz schwach, der Geruch von Heidekraut, süß und herb zugleich, wie an einem Sommertag, den es hier nie gegeben hatte.

Eine Frau stand in diesem Kreis. Sie sah mir ähnlich und doch auch nicht. Rotes Haar, noch wilder als meines, klebte schweißnass an ihrer Stirn. Sie war jung, kaum älter als ich, und trotzdem lag etwas in ihrem Gesicht, das ich nicht deuten konnte, weil ich es schlichtweg nicht kannte. Ihre Haut war von Schmutz verschmiert und da war getrocknetes Blut an der Schläfe, ihre Knöchel weiß, das Gesicht von Tränen gezeichnet. Ihre Augen brannten vor Verzweiflung, die so tief ging, dass sie mir abermals die Luft nahm. Sie sah mich an. Nicht an mir vorbei, nicht durch mich hindurch, sondern mitten in mich hinein, sie sah mich wirklich an. Ich hatte das Gefühl, dass ich diejenige war, auf die sie die ganze Zeit gewartet hatte. Ihr Mund bewegte sich, formte Worte, die ich nicht hörte und trotzdem begriff. Ein stummer Schrei. Ein Ruf nach Hilfe, uralt und doch so nah, dass er keinen Zweifel ließ, an wen er gerichtet war.

Dann war alles weg. Weg, wie ein Fernseher, dem man den Stecker zieht. Die Stille danach war fast schlimmer als die Bilder davor. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Meine Handfläche brannte, heiß wie von einem Ofen, nicht wie von kaltem, jahrtausendealtem Granit, aber als ich sie umdrehte, war da nichts.

Keine Rötung, nicht einmal ein Abdruck. Fast wünschte ich mir eine Brandblase, denn die ließ sich wenigstens erklären.

Ich taumelte rückwärts und meine Knie gaben nach, aber bevor ich auf den Boden schlug, schlossen sich Arme um mich und fingen mich auf. Aurin. Sein Herz schlug schnell an meiner Wange, fast so schnell wie meins, sein Gesicht war nah genug, dass ich die Nebeltropfen in seinen Wimpern sah, und in seinem Blick lagen Sorge und noch etwas, das ich nicht zu deuten wagte.

„Was war das?“ Meine Stimme war heiser und gehörte kaum zu mir. Meine Hände krallten sich in seinen Pullover, er war in diesem Moment das Einzige, das mich an diesem Ort und in diesem Leben festhielt.

Er ließ mich los, als er merkte, dass ich von alleine stehen konnte, und trat einen Schritt zurück. Sein Blick allerdings ließ mein Gesicht nicht los. „Ich weiß es nicht genau“, sagte er leise, „aber du hast sie gesehen, die Frau mit dem roten Haar.“ Das war keine Frage. Ich starrte ihn einfach an. „Du hast sie auch gesehen?“

Er nickte langsam. „Seit Jahren. Immer und immer wieder.

Aber bei dir war es anders.“ Er suchte nach Worten, und ich sah, dass er sie sorgfältig wählte. „Stärker. Sie hat endlich jemanden erreicht, nach dem sie die ganze Zeit gesucht hat. So hat es sich zumindest für mich angefühlt.“

Er sagte es ohne jede Theatralik, eher so, wie man ein Messergebnis vorliest, und genau das machte es noch schlimmer.

Übertreibung nahm ich ihm nicht ab, Nüchternheit schon.

„Okay“, sagte ich, und meine Stimme klang beinahe normal, wenn man großzügig war, „okay, ich bin also in meiner Mittagspause zu einem Steinkreis spaziert und habe eine Frau gesehen, die dort eigentlich gar nicht sein kann. Keine Ahnung, wann, keine Ahnung, wie. Kein Grund zur Panik. Die Leute machen so etwas ständig, ja?“

Ich sah sie wieder vor meinem inneren Auge, diesen Blick, der sich in mich eingebrannt hatte. Ich merkte erst jetzt, dass ich die Arme fest um mich geschlungen hatte, so fest, dass sich die Fingernägel durch den Mantelstoff in meine Oberarme gruben.

„Wer bist du?“, flüsterte ich und musterte Aurin.

Er sah mich lange an. Der Nebel hatte sich verdichtet und kroch wieder an die Steine heran. Ein Windstoß strich über die Lichtung, ohne dass sich ein einziges Blatt bewegte. „Ich habe genauso wenig Antworten wie du“, sagte er schließlich, „aber ich glaube, wir suchen nach denselben.“

„Das ist wirklich keine Antwort.“

„Nein“, gab er zu. „Aber es ist eine ehrliche.“ Die Worte hingen zwischen uns in der nassen Luft. Der Nebel hatte den Steinkreis inzwischen ganz verschluckt, die Bäume dahinter waren weg, und für einen Moment gab es nichts mehr auf der Welt als ihn, mich und das langsame Tropfen des Wassers von den Flechten auf dem Stein, ruhig und beharrlich, hinter mir.

Aurin wartete. Er drängte nicht. Er stand einfach da, seine Hände in den Taschen, und sah zu, wie ich mit mir selbst verhandelte. Vermutlich wusste er längst, wie diese Verhandlung ausging. Wenn ich ehrlich war, wusste ich es ja selbst.

Ich musste gehen. Wirklich, ich musste einfach gehen. Jeder vernünftige Teil von mir, und ich hatte zwei Jahre lang aus kaum noch etwas anderem bestanden, schrie mir dasselbe zu: Nach Hause, Nia. Vergiss die Frau, vergiss den Stein, vergiss diesen Mann mit den Moosaugen und seinen halben Wahrheiten. Trink einen Tee. Lern für die Prüfung. Tu, was normale Menschen eben so tun.

Stattdessen blieb ich, mit klopfendem Herzen und einer Hand, die immer noch zitterte, einfach stehen. Es war, als hörte ich eine Uhr ticken, die es gar nicht gab.

Denn da war etwas, tief in mir, an der Stelle, die ich zwei Jahre lang sorgfältig verschlossen gehalten hatte wie eine Tür, hinter der es brennt, da regte sich etwas und horchte zurück. Die Frau im Stein hatte nicht aufgehört zu rufen, bloß weil ich die Hand weggezogen hatte. Etwas war da in mir drinnen aufgewacht, etwas, das so schnell nicht wieder einschlief und das, ehrlich gesagt, gar nicht vorhatte, höflich zu sein.

Ich wusste es da noch nicht, aber das war der Moment, in dem ich aufhörte wegzulaufen. Und mit dem Weglaufen, so viel hatte ich inzwischen gelernt, hörte man nie nur für einen Nachmittag auf.

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