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Leseproben

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Cover Shortbread in Cornwall

Neu erschienen

Shortbread in Cornwall

Ein Erbe mit Bedingungen

Anne backt Brownies, die aussehen wie Pflastersteine. Jetzt gehört ihr eine Konditorei in Cornwall.

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Shortbread in Cornwall

Kapitel 1 · Gummibärchen für Notfälle

Der Schlüssel klemmte. Natürlich klemmte er. Ich hatte mir den Moment anders vorgestellt, nämlich dass vor mir ein Cottage, wie aus einem Bilderbuch, läge, mit Rosen um die Tür und einer Meeresbrise, die mir die Haare aus dem Gesicht wehte und dass ich den Schlüssel ins Schloss schieben und die Tür schwungvoll aufgehen würde.

Stattdessen stand ich in einer Gasse, die so schmal war, dass ich mit ausgestreckten Armen beide Hauswände berühren konnte. Squeezy Belly Alley stand auf einem verwitterten Schild an der Ecke, und das galt, wie ich später lernte, für das letzte Stück unten, das sich zwischen zwei Häusern hindurchquetschte, so eng, dass man den Bauch einzog. Bei uns weiter oben war die Gasse großzügiger. Ich hielt den Namen zu diesem Zeitpunkt noch für maßlos übertrieben und mit diesem Gedanken drehte ich an einem Schlüssel herum, der die salzige Luft hier offenbar persönlich nahm. Der Wind wehte mir die Haare nicht aus, sondern mitten hinein ins Gesicht.

Mein Gepäck bestand aus einem Koffer und einer angebrochenen Tüte Gummibärchen. Den Schlüssel hatte mir ein Anwalt namens Wieland geschickt, die Gummibärchen waren für Notfälle gedacht, und die Anreise hatte tatsächlich aus elf Notfällen bestanden.

„Komm schon“, sagte ich zu der Tür, „ich bin deine neue Besitzerin. Wir sollten uns von Anfang an gut verstehen.“

Die Tür ging auf, genau genommen gab sie mit einem Knall nach, und ich fiel halb ins Haus. Die Gummibärchentüte machte einen Satz, und ein grünes rollte über die Dielen davon und blieb mitten im Flur liegen. Das war wohl mein erster Beitrag zur Einrichtung.

Drinnen roch es nach Tee. Das war das Erste, was mir auffiel, und es verwirrte mich, denn das Haus stand seit sechs Wochen leer. Trotzdem, Tee, ein Hauch von Zimt, und darunter etwas Älteres, das sich wohl in den Holzbalken festgesetzt haben musste.

Im Wohnzimmer stand sogar noch eine Tasse auf dem Tisch, ausgetrunken bis auf einen braunen Rand, daneben lag eine Brille. Über dem Stuhl hing eine Strickjacke mit so vielen Farben, dass sie mich an einen gestrickten Regenbogen erinnerte. Velma war nicht gegangen, Velma war nur eben seit sechs Wochen kurz weg, und alles hier wartete noch darauf, dass sie zurückkam und den Teekessel aufwärmte.

Ich legte die Hand kurz auf die Strickjacke und während ich mich umschaute, entdeckte ich ihn. Er saß einfach da, mitten auf der Anrichte der Küche, wo normalerweise die Obstschale stand. Da thronte ein Kater. Er war orange, und massig, und hatte einen weißen Fleck auf der Brust, der mich an eine Krawatte erinnerte. Neben ihm stand ein Futternapf mit frischen Stückchen, und in der Tür zur Gasse entdeckte ich eine abgenutzte Katzenklappe.

Er beobachtete mich skeptisch mit zusammengekniffenen Augen, und ich hatte sofort das Gefühl, in eine Wohnungsbesichtigung geraten zu sein, bei der ich keine Chance hatte.

„Hallo du“, sagte ich und bot ihm ein rotes, mein bestes, Gummibärchen an. Er musterte es, dann mich, und ich habe noch nie jemanden ohne ein einziges Geräusch so deutlich nein sagen hören.

Der Kater schloss langsam die Augen und öffnete sie wieder, was bei Katzen, das weiß ich, ein Zeichen von Vertrauen sein soll. Bei ihm wirkte es eher, na ja, wie soll ich sagen, jedenfalls noch nicht so.

An seinem Halsband hing ein kleines Messingschild. Lord Shortbread, stand da, weiter nichts, aber musste ja auch nicht.

Über seinem Korb in der Ecke hing dagegen ein Schild, handgeschrieben, die Tinte verblichen, und die Buchstaben mit einer Eleganz geschwungen, die man heute nur noch auf alten Hochzeitseinladungen findet.

Lord Shortbread. Er wohnt hier. Sie nicht. V.M.

„Das muss Velma gewesen sein“, flüsterte ich, „ich glaube, ich hätte sie gemocht.“

Kleine Rückblende, die braucht ihr jetzt, um das alles zu verstehen. Sechs Wochen war es her, als die Kanzlei Wieland und Partner mich angerufen hatte. Ich saß in meiner Berliner Wohnung, vor mir ein Haufen unbezahlter Rechnungen, und hatte gerade einen Blog-Beitrag über vegane Brownies geschrieben, den elf Menschen gelesen hatten. Drei davon war meine Mutter. „Frau Roth?“, sagte der Anwalt am Telefon, „Ihre Großtante Velma ist verstorben. Mein aufrichtiges Beileid. Ich rufe an, um Ihnen mitzuteilen, Sie haben ein Anwesen in Cornwall geerbt.“ Reflexartig kam aus mir ein, „ich habe eine Großtante?“, heraus, bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte.

Ja, anscheinend hatte ich, und ich war sogar einmal, mit fünf Jahren, bei ihr gewesen, im Sommer, an den ich mich nur noch in Farben erinnerte. Gelb, das war die Küche. Blau, das war das Meer und irgendwo dazwischen ein Geschmack, buttrig und süß, den ich nie vergessen und bisher nirgendwo wiedergefunden habe.

Deshalb hatte ich, ohne zu fragen, zugesagt. Hätte ich gefragt, hätte der Anwalt mir vermutlich von der Klausel erzählt, aber das kommt später, und es ist ohnehin Janinas Job, mich vor solchen Dingen zu retten. Diesmal reiste sie dafür sogar extra nach England. Sie hatte sich für Anfang Juli angekündigt, gut zwei Wochen nach mir.

Lord Shortbread sprang von der Anrichte und lief an mir vorbei zu einer Tür am Ende der Küche, die ich für einen Vorratsschrank hielt. Dort setzte er sich hin, sah die Tür an, sah mich an, und miaute einmal, kurz und befehlshaft, wie ein Hoteldirektor, der auf den Pagen wartet.

An der Tür hing ein Vorhängeschloss. Es sah alt und verrostet aus, und hatte eine Patina aus gefühlt vielen Jahren des Nichtgeöffnetwerdens. Am Schlüsselbund, den mir der Anwalt überreicht hatte, waren fünf Schlüssel. Einer davon war kleiner als die anderen und rostig.

„Was ist denn da drin?“, fragte ich den Kater.

Der Kater schaute nur unschuldsbewusst und sagte nichts. Er wartete.

Das Schloss gab mit einem Knirschen nach und ich öffnete die Tür.

Dahinter kam eine Konditorei zum Vorschein. Abgefahren! Sie präsentierte sich wie eine Schönheitskönigin nach vielen Jahren Schlaf. Die Auslage war komplett verstaubt, aber heil, mit Tortenhauben aus Glas, die im schrägen Licht funkelten wie ausgestorbene Aquarien. Das Schaufenster zur Gasse war blind vor Staub, ich war zweimal daran vorbeigegangen, ohne es für eines zu halten. An der Wand hingen alte Preisschilder, die noch mit Bleistiftzahlen beschriftet waren. Das musste aus einer Zeit stammen, als man für ein Stück Kuchen noch keinen Kredit brauchte. Hinter der Theke war ein großer, schwarzer Ofen, der mich an ein Pferd erinnerte, und über allem hing dieser Geruch, schwach, mindestens dreizehn Staubschichten tief, aber er war da. Es roch nach Butter und Zucker, und da dämmerte es mir. Das war er, der Geschmack aus meinem Sommer mit fünf, er kam aus diesem Raum. Dreißig Jahre hatte er hier auf mich gewartet, und ich hatte nichts, rein gar nichts davon geahnt.

Lord Shortbread lief elegant zwischen den Tortenhauben hindurch, ohne eine einzige zu streifen, und blieb vor der hässlichen Blumentapete an der Rückwand stehen. Er sah mich wieder an, diesmal mit dem Blick, den Katzen draufhaben, wenn sie genau wissen, dass du etwas noch nicht weißt, und es genießen.

„Was?“, fragte ich.

Er miaute nicht, dafür drehte er sich um, ging hinaus und durch die Katzenklappe davon, mit dem Schwanz hoch oben wie eine Fahne.

Ich blieb in der verstaubten Konditorei mitten in Cornwall stehen, mit einem Kater, der mich wohl für Personal hielt, und einem Erbe, von dem ich bis vor sechs Wochen noch nichts gewusst hatte.

Vor der Tür bellte ein Hund, und eine Frauenstimme rief, „Lord Shortbread! Na, bist du noch da, oder hat die Neue dich schon vergrault?“

Offenbar hatte dieses Dorf bereits von mir gehört. In Orten wie diesem, und das wusste ich schon nach einer Stunde, ist die Post nicht das Schnellste, nein, das waren die kleinen Gerüchte.

Ich schloss die Konditorei wieder ab und ging durch das Haus. Nichts darin passte zusammen, und genau so gefiel es mir. In Berlin hatte ich für so etwas Geld ausgegeben und hier stand es einfach herum und gehörte jetzt mir.

Unter der Treppe war eine halbhohe Tür mit einem Holzknauf. Sie ging nicht auf. Ich zog mit beiden Händen daran und stemmte zusätzlich einen Fuß gegen den Rahmen. Sie gab einen Spalt weit nach und blieb stehen. Aus dem Innern kam kühle Luft und roch nach Erde und nach etwas Süßem. Ich schob die Tür wieder zu, das ging erheblich leichter. Lord Shortbread setzte sich davor hin und blieb dort sitzen, auch, als ich schon oben war.

Oben wählte ich das große Zimmer zum Hafen aus, das mit dem Messingbett und dem Blick über die Dächer auf das Wasser. Ich stellte meinen Koffer daneben und beschloss, dass Janina das kleinere Zimmer bekommen würde, schließlich hatte ich das hier ja geerbt.

Mein erstes Abendessen in Cornwall bestand aus Gummibärchen, denn im Kühlschrank standen nur eine angefangene Butter und ein Glas mit etwas Eingelegtem, an das ich mich dann doch nicht wagte. Lord Shortbread saß auf der Anrichte und sah mir zu. Vier Stunden nach meiner Ankunft, ich hatte auf die Küchenuhr gesehen, schloss er die Augen und öffnete sie ganz langsam wieder.

Am nächsten Morgen wischte ich als Erstes Staub, und Lord Shortbread benotete mich dabei vom dritten Regalbrett aus, zwei Stunden lang. Sein Napf war immer noch voll, genau wie am Abend zuvor, und soweit ich wusste, hatte niemand nachgefüllt. Also kippte ich das alte Futter weg und spülte den Napf aus. Neues fand ich keines. Im ganzen Haus gab es vierzig Sorten Tee, aber keine einzige Dose für die Katze. Lord Shortbread setzte sich vor den blitzsauberen leeren Napf und sah abwechselnd ihn und mich an. Wenn es im Katzenrecht eine Anzeige wegen Unterschlagung gegeben hätte, dann hätte er sie an diesem Vormittag eingereicht.

Ich legte ihm eine Spur aus sieben Gummibärchen, von der Katzenklappe bis zu meinen Füßen und er lief sie ab, würdigte jedes einzelne Bärchen mit einem Blick, der es entwertete, kam bei mir an und drehte mir den Rücken zu.

Die Küche brauchte Luft, also klemmte ich die Tür zur Gasse mit dem Teekessel auf. Zwei Minuten später spazierte eine Möwe herein. Sie lief die Gummibärchenspur ab, gründlicher als der Kater, und sah sich in aller Ruhe um. Ich wedelte mit dem Geschirrtuch, woraufhin die Möwe aufflog, und mit ihr flog alles auf, was nicht festgeschraubt war. Zwei Teedosen, wovon leider die obere offen war. Die Möwe schrie, und ich schrie zurück, was mir bis heute peinlich ist. Irgendwann kippte der Teekessel ganz um, die Tür fiel zu, und damit waren die Möwe und ich unter uns.

Draußen rief die Frauenstimme vom Vortag nach Lord Shortbread. Dann drehte sich ein Schlüssel im Schloss, die Tür ging auf, und in der Tür stand eine kleine Frau und sah in eine Küche voller Federn.

„Raus!“, befahl sie der Möwe.

Die Möwe ging raus. Ich habe es später selber oft mit derselben Tonlage versucht, aber bei mir hat es nie funktioniert.

„Du bist die Neue“, sagte sie und stieg über die Teedose hinweg, „ich bin Morwenna. Ich wohne zwei Türen weiter, das Haus mit dem blauen Fenstersims, und ich füttere den Lord schon seit drei Jahren, morgens um sieben und abends um fünf, seit Velma es nicht mehr selber konnte.“ Sie hielt den Schlüssel hoch, ohne dass ich gefragt hatte. „Von Velma. Katzen nehmen keine Rücksicht auf Erbfolgen, ich allerdings auch nicht.“

„Der Napf war heute Morgen noch voll“, sagte ich.

„Der Napf ist immer voll.“ Sie zog zwei Dosen aus ihrer Schürzentasche und füllte ihn wieder auf. „Du hast ihn ausgekippt.“

„Woher wissen Sie das?“

„Weil er sauber ist.“ Sie stellte den Napf ab, ohne hinzusehen, und Lord Shortbread war sofort da.

Dann räumte sie die Teedosen ungefragt alphabetisch zurück ins Regal. Sechsundzwanzig Jahre Schulsekretariat in Delabole, sagte sie, da lerne man Ordnung und Menschen. „Ich bin einundsiebzig“, setzte sie hinzu, obwohl ich nicht gefragt hatte, „in meinem Alter redet man nicht dreimal um dieselbe Sache herum.“

Sie ließ eine Dose Katzenfutter auf der Anrichte stehen und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um und musterte mich von den Haaren bis zu den Schuhen.

„Du siehst aus wie auf dem Foto“, sagte sie.

„Auf welchem Foto?“

„Um sieben“, sagte sie stattdessen, „morgen früh. Sei wach.“ Dann war sie weg.

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Kapitel 1 · Filmriss mit Ansage

An dem Abend, an dem Klönsund beschloss, mein Kino plattzumachen, riss mitten in „Über den Dächern von Nizza“ der Film.

Es passierte in der schönsten Szene, Cary Grant und Grace Kelly im offenen Wagen über der Küstenstraße, das Meer glitzerte, die Musik holte gerade Schwung, und dann machte es oben in meinem Vorführraum ein Geräusch wie ein Gummiband an einem zu dicken Geschenk. Die Leinwand wurde weiß. Der Saal wurde dunkel und Frau Öhmke in Reihe zwei sagte laut und deutlich, „am Ende klaut er gar nicht, das stellt sich noch raus.“

„Frau Öhmke“, rief ich von der Tür her, „das war jetzt erst der halbe Film.“

„Ich sags ja nur, damit die Leute nicht umsonst zittern.“

Dreiundsiebzig Sitze hatte der Strandpalast, und rote Plüschsessel aus einer Zeit, in der man an Plüsch noch glaubte. Wir spielen Donnerstag bis Sonntag, vier Abende die Woche, montags bis mittwochs gehört das Haus sich selbst, und mir gehört die Buchhaltung, so haben wir beide etwas davon. An diesem Donnerstag waren immerhin neunzehn Sitze besetzt. Zwanzig, wenn man Sitz elf mitzählte, der grundsätzlich von allein hochklappte, sobald es im Film spannend wurde. Ich zählte ihn mit. Er war mein treuester Gast.

„Kurze Pause“, sagte ich in die Dunkelheit, „Lore braucht einen Moment.“

„Wer ist Lore“, fragte ein Urlauberpärchen in Reihe fünf.

„Der Projektor“, sagte der halbe Saal gleichzeitig, und Herr Pöppel, der grundsätzlich zehn Minuten nach Filmbeginn kommt und immer vor der Pause einschläft, wachte davon auf und klatschte vorsichtshalber.

„Und gibt es dann Eis?“, rief eines der Ferienkinder aus Reihe drei.

„Wenn es länger als fünf Minuten dauert, gibt es Eis“, versprach ich, und im Saal wurde hörbar auf eine längere Pause gehofft.

Ich lief die schmale Treppe hoch, zwei Stufen auf einmal, was bei dieser Treppe eine Mutprobe war. Oben roch es nach warmem Staub und Maschinenöl, der Geruch meiner halben Kindheit. Lore stand da und ratterte ins Leere, ein Trumm von einem Projektor, Baujahr irgendwann zwischen Kaiser und Beatles, und aus ihrer Filmbahn hing das Ende der Kopie wie eine rausgestreckte Zunge.

„Das war jetzt nicht deine feine Art“, sagte ich und drückte auf den Schalter.

Mein Opa Walter hatte Lore vor Ewigkeiten auf diesen Namen getauft, nach einer Platzanweiserin, in die er 1962 verliebt gewesen war. Die Platzanweiserin nahm damals allerdings einen Zahnarzt aus Rostock, doch der Projektor blieb. Opa sagt bis heute, er habe dabei das bessere Geschäft gemacht, Lore laufe seit sechzig Jahren und meckere immer nur donnerstags.

Ich fädelte das gerissene Ende aus, legte es in die Klebepresse und schnitt die Stelle glatt. So repariert man das seit hundert Jahren, der Verleih rechnet fest mit uns Kleberinnen. Ein paar Bilder gehen dabei immer verloren. Cary Grant nimmt einem das nicht übel, der hat Manieren. Meine Hände machten das von allein, während mein Kopf durchrechnete, wie viele zahlende Gäste ich heute hatte und was davon nach Strom und Filmmiete übrig blieb. Das Ergebnis war eine Zahl, für die sich nicht mal ein Sparschwein gebückt hätte.

Ich führe den Strandpalast seit sieben Jahren. Übernommen habe ich ihn an meinem zweiunddreißigsten Geburtstag von Opa Walter, mit Handschlag und einem Satz, den ich seitdem an guten Tagen für einen Segen und an schlechten für eine Drohung halte. „Das Haus hält länger durch als wir alle, Deern, es braucht bloß jemanden, der ihm das auch glaubt.“

Unten im Saal wurde rhythmisch geklatscht. Klönsund ist zwar geduldig, aber nicht unendlich.

Also lief ich noch mal hinunter und verteilte aus der Kühltruhe Eis am Stiel, auf Kosten des Hauses, was betriebswirtschaftlich ungefähr so klug war wie alles andere, das ich in diesem Kino tue. Und trotzdem war es die richtige Entscheidung. Frau Öhmke nahm Erdbeer und nutzte die Gelegenheit, dem Urlauberpärchen zu erzählen, wie „Über den Dächern von Nizza“ ausgeht, diesmal allerdings in der ausführlichen Fassung. Das Ferienkind fragte, ob der Film jeden Donnerstag reiße. Ich sagte, nur bei besonderen Gelegenheiten, und es nickte fachmännisch und bestellte für nächsten Donnerstag schon mal ein Zitroneneis vor.

Dann stieg ich wieder zu Lore hinauf.

„Gleich“, rief ich durch das Projektionsfenster, und klebte, spannte, fädelte neu ein. Lore schluckte den Film, überlegte kurz und warf dann Cary Grant zurück auf die Leinwand, mitten in die Kurve, in der er hingehörte. Applaus von unten. Sitz elf klappte hoch. Alles wieder in Ordnung, na ja, was soll ich sagen, für ungefähr vierzig Minuten.

Der Abspann lief noch, das Saallicht dimmte sich hoch, und ich stand wie immer an der Tür, um meinen neunzehn Gästen einen guten Heimweg zu wünschen. Das ist der Teil des Abends, den ich am liebsten mag. Frau Öhmke erklärte dem Urlauberpärchen ungefragt das Ende von drei anderen Filmen, die demnächst im Programm standen. Die Brüder Karge stritten im Rausgehen darüber, ob man 1955 an der Riviera schon solche Sonnenbrillen getragen hatte. Herr Pöppel schüttelte mir die Hand und sagte, das sei wieder ein wunderbarer Abend gewesen, er habe fast alles mitbekommen. Es sind fast alles Stammgäste an so einem Abend, Leute, die irgendwann beschlossen haben, mich nicht untergehen zu lassen, jeder aus seinem eigenen Grund, und ich frage nicht nach. So etwas verschreckt man, wenn man nachfragt.

Das Urlauberpärchen blieb als Letztes, vor der Wand mit den alten Programmzetteln hinter Glas, im Foyer stehen.

„Wie lange gibt es das hier eigentlich schon“, fragte sie, und er fotografierte dabei die Kassenloge mit dem Messinggitter.

„Seit 1911“, sagte ich, „damals mit Stummfilm und Klavier. Das Klavier steht noch unten rechts im Saal, allerdings ist es verstimmt seit 1953. Der Klavierstimmer ist in der Pause an die Luft gegangen und nie wiedergekommen. Mein Opa sagt, der Film sei ihm zu traurig gewesen.“

„Und das glauben Sie?“

„Ich glaube hier drinnen grundsätzlich alles“, sagte ich, „das ist ein Kino.“

Sie kauften noch eine Packung Lakritz für den Heimweg und versprachen wiederzukommen. Ich glaubte ihnen das sogar, denn so funktionierte der Strandpalast seit jeher. Wer einmal drin gesessen hatte, kam wieder. Das Problem waren die vielen, die nie hereinkamen und stattdessen abends auf dem Sofa lagen und in ihre Telefone sahen, aber das ist ein Kummer, den ich mir sonntags aufhob.

Und dann war der Saal leer. Ich sammelte Popcorntüten ein und sortierte an der Kasse die Süßigkeitenauslage nach Farben, was ich immer tat, wenn ein Tag zu viele lose Enden hatte. Rot zu rot, gelb zu gelb. Es half ein bisschen, ähm, na ja, es half genau bis zu dem Moment, in dem die Foyertür aufging und Marlene Voss hereinkam.

Ich darf an dieser Stelle etwas erklären. Marlene und ich teilen uns seit Jahren dasselbe Haus, Hafenstraße eins, vorne das Kino, daneben ihr Laden, das Kramkontor, ein Geschäft, in dem man alles bekommt, was kein Mensch sucht, geschweige denn braucht. Wir teilen uns eine Wand im Gebäude und den Pfahl, an dem unsere beiden Briefkästen hängen, und wir haben seit sechs Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt. Genauer gesagt seit meinem dreiunddreißigsten Geburtstag, bei dem Constantin zu mir gekommen und mit ihr gegangen war.

Man kommt als Nachbarinnen erstaunlich gut ohne Worte aus, wenn man sich Mühe gibt. Wir hatten ein eingespieltes System aus eisigem Nicken und demonstrativem Interesse an jeweils anderen Wolken.

Und jetzt stand sie in meinem Foyer, in einer Regenjacke von der Farbe wütender Möwen, und zum ersten Mal seit sechs Jahren hatte sie offensichtlich vor, ausgerechnet mit mir zu reden.

„Petersen“, sagte sie.

„Voss“, sagte ich.

So weit, so üblich. Das war ungefähr der Umfang unserer Jahreskonversation, und normalerweise wäre jetzt eine von uns gegangen.

Sie blieb.

Sie sah sich um, dem Foyer entlang, die alten Filmplakate, den Tresen mit meiner frisch nach Farben sortierten Auslage, und irgendwas an ihrem Blick gefiel mir nicht. Es war kein spöttischer Blick. Auf ihren Spott war ich vorbereitet, den kannte ich, der war seit sechs Jahren mein Nachbar. Das hier war etwas anderes. Sie sah mein Foyer an, gründlich, Wand für Wand, mit einem Blick zum Einpacken und Mitnehmen.

„Schöner Abend gewesen?“, fragte sie, und es klang nicht mal höhnisch.

„Filmriss“, sagte ich, „ansonsten ja. Was willst du hier, Marlene?“

Sie holte Luft. Und dann sagte sie den Satz, der diesen ganzen Sommer losgetreten hat.

„Die Stadt verkauft unser Haus.“

Ich sortierte weiter Süßigkeiten. Manchmal braucht mein Kopf einen Moment, bis er beschließt, ob ein Satz zu mir durchgelassen wird.

„Unser Haus“, wiederholte ich dann, „dieses Haus?“

„Nein, den Eiffelturm. Natürlich dieses Haus.“ Sie trat einen Schritt näher an den Tresen. „Fiete hat es vom Bauausschuss. Da war heute Sitzung, nicht öffentlich, aber bei Fiete ist nichts nicht öffentlich. Eine Firma aus Hamburg will das Grundstück haben. OstseePerle Wohnbau. Die bauen Ferienappartements, so mit Dachterrasse und Meerblick ab der dritten Etage.“

„Wir haben keine dritte Etage.“

„Deswegen ja“, sagte Marlene, „abreißen und neu bauen. Appartementresidenz Meeresrauschen, so soll das hier dann heißen. Achtundzwanzig Einheiten, Tiefgarage, und unten ein Concept Store.“

„Was ist ein Concept Store?“

„Keine Ahnung. Teurer Kram ohne Preisschilder, schätze ich.“

„Das ist doch dein Laden.“

„Mein Laden hat Preisschilder“, sagte Marlene mit Würde, „die Kunden finden sie nur nicht.“

Ich stellte die Frage, die mir seit einer Minute im Hals saß. „Und was wird aus dir? Sechzehn Jahre Kramkontor, das räumt man ja nicht in einen Karton.“

„Junghans bietet den Bestandsgewerben ein Beratungsgespräch an.“ Sie sprach das Wort Beratungsgespräch aus wie etwas, das man mit einer Kneifzange anfasst. „Er nennt es Übergangsmanagement. Ich habe sechzehn Jahre und viertausend Einzelstücke, und der Mann sagt Übergangsmanagement zu mir.“

Ich merkte, dass meine Hände aufgehört hatten zu sortieren. Auf dem Tresen lag ein einzelnes grünes Bonbon zwischen den roten und sah genauso verloren aus, wie ich mich fühlte.

„Die können doch das Haus nicht einfach verkaufen“, sagte ich. „Da ist ein Kino drin. Da ist seit 1911 ein Kino drin. Opa hat hier schon Eis verkauft, als dein Laden noch ein Kolonialwarengeschäft war.“

„Die können“, sagte Marlene, „glaub mir, die können. Es gehört ihnen. Wir sind nur Pächterinnen, Nora. Meine Pacht läuft zum einunddreißigsten Oktober aus. Deine auch, oder?“

Sie hatte Nora gesagt. Nicht Petersen. Sechs Jahre Funkstille, und jetzt stand sie hier und sagte Nora, und das machte mir mehr Angst als alles andere an diesem Abend.

„Ja“, sagte ich, „meine auch.“

Wir schwiegen. Aus dem Saal roch es nach kaltem Popcorn, draußen schob der Wind eine Mülltonne über das Kopfsteinpflaster, und irgendwo im Haus knackte eine Diele. Alte Häuser reden eben mit, wenn es um sie geht.

„Donnerstag ist Infoveranstaltung“, sagte Marlene schließlich, „im Deutschen Haus. Die Stadt stellt das Projekt vor, mit dem Investor und allem. Ich dachte, das möchtest du vielleicht wissen.“

Sie wandte sich zur Tür. Auf halbem Weg drehte sie sich noch mal um, und einen Moment lang sah sie aus wie früher, wie vor allem, als wir noch zusammen auf ihren Ladenstufen Wein getrunken und über die Touristen gelästert hatten.

„Und komm nicht auf die Idee, da alleine hinzugehen und irgendwas Vernünftiges zu sagen“, sagte sie, „vernünftig können die. Wir müssen denen anders kommen.“

„Wir“, fragte ich.

„Sag ich doch“, sagte Marlene, „schlimme Zeiten.“

Dann war sie draußen, die Tür fiel hinter ihr zu, und ich stand allein in meinem Foyer, in dem es seit 1911 nach Projektoröl und Plüsch roch, und dachte an Opa Walters Satz. Das Haus hält länger durch als wir alle, es braucht bloß jemanden, der ihm das auch glaubt.

Ich nahm das grüne Bonbon und legte es zu den grünen.

Dann machte ich meine Abendrunde, wie jeden Abend. Saallicht aus, Reihe für Reihe, die Notbeleuchtung summte, und ich strich im Vorbeigehen über die Lehne von Sitz elf, der brav unten blieb, jetzt, wo es keiner sah. Auf der Leinwand hing noch ein Rest Licht, dieses silbrige Nachglimmen, für das es kein Wort gibt.

Achtundzwanzig Ferienappartements. Ich versuchte mir vorzustellen, wie jemand genau hier, auf der Höhe von Reihe sieben, künftig seine Spülmaschine ausräumte, und mein Kopf weigerte sich, das Bild fertig zu bauen.

„Also gut“, sagte ich zu meinem leeren Kino, „du hältst durch, und ich glaube daran. Arbeitsteilung.“

Und oben im Vorführraum, ich schwöre, ratterte Lore einmal kurz im Schlaf.

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Kapitel 1 · Erstes Türchen

1. Dezember

Am Morgen des ersten Dezembers log mich mein Adventskalender an.

Dieses Jahr wird dein Dezember ganz ruhig, stand in Großtante Friedas Handschrift auf dem Zettel hinter dem ersten Türchen. Ich hätte es besser wissen müssen. Frieda schreibt mir diese Kalender, seit ich sechs bin, vierundzwanzig Zettelchen jedes Jahr, von Hand gefaltet und in einen Kalender aus festem Karton gesteckt, den sie ebenfalls selbst bastelt, weil gekaufte Kalender „innen hohl“ seien, womit sie nicht die Schokolade meint. Und noch nie, in dreißig Jahren, hat auch nur einer dieser Zettel die Wahrheit gesagt. Der Zettel von letztem Jahr hatte behauptet, ich solle auf Überraschungen im Job gefasst sein. Elf Monate später war die Agentur pleite. Der Zettel von 2019 hatte geraten, Halte dich von Männern fern, die ihre Schuhe nicht selber putzen. Ich habe nicht auf ihn gehört, und der Rest ist eine Geschichte, die zwei Jahre und eine Kiste Taschentücher gekostet hat.

Man könnte sagen, Friedas Zettel lügen nicht, sie treffen nur schief ein wie Wettervorhersagen und Silvestervorsätze.

Genauer gesagt war die Agentur seit Freitag pleite. Neun Jahre lang hatte ich bei Wortwerk & Söhne Werbetexte geschrieben, obwohl es nie Söhne gegeben hatte und zuletzt auch kein Werk mehr. Am letzten Tag hatte ich meinen Karton gepackt, und es war ein beschämend leichter Karton für neun Jahre gewesen. Eine Tasse, ein Kaktus, den ich in all der Zeit nicht totgekriegt hatte, was mich rückblickend mehr mit Stolz erfüllt als manche Kampagne, und ein Ordner mit meinen gesammelten Slogans. Ich habe im Aufzug hineingesehen. Neun Jahre voller Sätze wie Verwöhnung, die man spürt und Frische, neu gedacht. Auf dem Parkplatz habe ich den Ordner ins Altpapier gelegt, vorsichtig, wie man einen Verstorbenen bettet, und die Tasse und den Kaktus mit nach Hause genommen. Vielleicht war die Insolvenz einfach die gerechte Strafe des Universums für Frische, neu gedacht. Ich sage nicht, dass das Universum kleinlich ist. Ich sage nur, es liest mit.

Ich saß also am ersten Dezember um kurz nach acht arbeitslos und ungeduscht in meiner Kölner Küche, vor mir der Kalender, neben mir der Kaktus, und tat das Einzige, was in so einer Lage hilft. Ich schrieb eine Liste.

Listen sind meine Art zu beten. Ich schreibe sie, wenn die Welt unordentlich wird, und die Welt war an diesem Morgen so unordentlich wie mein Haar. Neues Leben, Stand 1. Dezember, schrieb ich oben aufs Blatt, und darunter.

1. Job suchen

2. Vorher rausfinden, was ich eigentlich will

3. Vorher Kaffee

Bei Punkt drei klingelte das Telefon, und auf dem Display stand FRIEDA, in Großbuchstaben, denn so hatte sie sich vor Jahren eigenhändig in mein Telefon eingetragen. „Damit du siehst, dass es wichtig ist“, hatte sie gesagt.

„Merle, Kind“, sagte sie statt einer Begrüßung. „Wie schnell kannst du hier sein?“

„Frieda? Was ist passiert?“

„Gar nichts ist passiert. Also, fast gar nichts. Das Wadenbein ist ein bisschen geknackst, aber der Doktor übertreibt maßlos, du kennst ihn ja.“

Ich kannte ihn nicht, aber das spielte in Friedas Sätzen selten eine Rolle. Frieda formt ihre Sätze mit Bedacht, sodass man mittendrin schon zustimmt, bevor man das Ende kennt. „Du hast dir das Bein gebrochen?“

„Angeknackst. Das ist ein Unterschied, frag den Doktor, oder besser, frag ihn lieber nicht, er dramatisiert.“ Im Hintergrund schepperte etwas, das nach Rollator klang und nach einem Möbelstück, das ihm im Weg gestanden hatte. „Ich habe nur die Lichterketten aufgehängt, wie jedes Jahr, und der Hocker war anderer Meinung als ich. Wir sind beide unsanft gelandet, aber der Hocker wurde nicht eingegipst, der Glückspilz.“

„Frieda, du bist vierundachtzig. Warum hängst du Lichterketten von einem Hocker aus auf?“

„Weil die Leiter im Schuppen steht und der Schuppen zugeschneit ist. Stell keine Logikfragen, dafür ist keine Zeit.“ Sie machte eine Pause, in der ich sie förmlich mit der Hand wedeln sah. „Jedenfalls stehe ich jetzt mit Gips da, und in vier Tagen macht der Markt auf, und die Hütte kann sich ja schlecht selbst betreiben.“

Die Hütte. Man muss dazu wissen, es gibt Familien, die vererben Häuser oder Streit. In meiner Familie gibt es die Hütte. Stand Nummer 7 auf dem Lichtenbrunner Weihnachtsmarkt, seit 1987 in Friedas Hand. Dort gab es Glühwein nach einem Rezept, dessen siebte Zutat sie nicht einmal dem Pfarrer verraten hatte, und der hatte es immerhin unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses versucht. Ich hatte als Kind jede Weihnachtsferien dort verbracht, hinter dem Tresen auf einer Bierkiste stehend, zuständig für Zimtstangen und dafür, wichtig auszusehen. Es war die erste Anstellung meines Lebens, und bis Freitag war sie die beste gewesen. Jetzt war sie streng genommen die einzige.

„Frieda, ich kann doch nicht einfach…“

„Natürlich kannst du, du hast ja jetzt Zeit.“

Ich starrte mein Telefon an. „Woher weißt du das?“

„Kind, ich bin zwar vierundachtzig, aber nicht ahnungslos. Deine Mutter hat es meiner Schwägerin erzählt, die hat es der Bäckerin erzählt, und die Bäckerin liefert mir freitags die Semmeln. Schneller ist das Internet auch nicht.“ Dann wurde ihre Stimme anders, nur um eine Winzigkeit, aber ich hörte es sofort, so wie man bei einem vertrauten Motor das kleinste Klopfen hört. „Und der Markt, na ja, darüber reden wir, wenn du hier bist.“

„Was ist mit dem Markt?“

„Fahr vorsichtig, es schneit.“

Dann legte sie auf, bevor ich Nein sagen konnte. Das ist Friedas Superkraft. Andere Menschen haben eine gute Rückhand oder fehlerfreie Steuererklärungen, Frieda hat das Auflegen. Sie legt auf wie andere Leute Asse ausspielen, im genau richtigen Moment, und danach ist das Spiel vorbei.

Ich saß eine Weile da und sah auf meine Liste. Dann strich ich Punkt eins bis drei durch und schrieb darunter.

1. Lichtenbrunn

Danach rief ich Lotte an.

Lotte ist seit zwanzig Jahren meine beste Freundin, seit einem Studentenwohnheim-Küchendienst, bei dem sie meinen Abwasch-Plan an sich genommen, neu sortiert und mit den Worten, „So, jetzt funktioniert er“, zurückgegeben hatte. Wenn man uns nebeneinanderstellt, versteht man sofort, warum das seit zwanzig Jahren hält. Ich beginne Listen, Lotte beendet sie. Ich habe Ideen, Lotte hat Ordner. Und wenn ich einen Handschuh verliere, findet Lotte ihn in meiner Manteltasche, in der ich vorher schon dreimal nachgesehen habe.

Als ihr Chef ihr im November eröffnet hatte, dass sie dreiundvierzig Überstundentage abzubauen habe, und zwar bitte noch dieses Jahr, hatte sie das persönlich genommen. Lotte stemmt seit sieben Jahren die Projekte der Firma Klingbeil, und die Firma Klingbeil dankt es ihr, indem sie es nicht bemerkt. Wenn Lotte gut arbeitet, sieht hinterher alles so aus, als wäre nie etwas gewesen, und für ein Gewitter, das nicht stattgefunden hat, bedankt sich kein Mensch. Sie spricht nicht darüber. Sie sortiert dann nur auffällig lange ihre Ablage.

„Lichtenbrunn“, sagte sie, nachdem ich fertig erzählt hatte. „Das ist das Dorf, aus dem deine Großtante kommt. Die, die mir zum Geburtstag einen selbstgestrickten Topflappen geschickt hat.“

„Das war eine Mütze.“

„Umso besser, dass wir das mal klären.“ Ich hörte, wie im Hintergrund eine Schranktür aufging, und mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. „Ich komme mit. Jemand muss ja fahren, während du Listen schreibst.“

„Du hast doch gar keinen Urlaub.“

„Ich habe dreiundvierzig Tage Überstunden und einen Chef, der mich bis Januar nicht sehen will. Wenn ich noch eine Woche zu Hause sitze, fange ich an, die Gewürze alphabetisch zu sortieren, und zwar rückwärts. Vorwärts habe ich schon durch.“

„Lotte, es kann sein, dass es dort kein ordentliches Internet gibt.“

„Merle, es kann sein, dass mir das gerade recht ist.“

Zwei Stunden später stand sie vor meiner Tür, mit einem Koffer, in dem vermutlich für jede Wetterlage ein Plan lag, einer Thermoskanne Tee, schwarz wie ihre Kommentare, und einer laminierten Wegbeschreibung, für den Fall, dass „dieses Bergdorf weniger Netz hat als Ambitionen“. Mein eigener Koffer war zu diesem Zeitpunkt erst zur Hälfte gepackt, wobei die Hälfte aus drei Wollpullovern und einem Stapel Papier bestand.

„Was ist das?“, fragte Lotte und deutete auf den Stapel.

„Bewerbungsunterlagen. Falls ich zwischendurch mein Leben ordnen will.“

„Du fährst auf einen Weihnachtsmarkt, um Glühwein auszuschenken.“

„Man kann nie wissen.“

Sie nahm den Stapel wortlos aus dem Koffer und legte dafür meine Handschuhe hinein, dann meine Mütze und dann das Ladekabel, das noch in der Steckdose hing. So ist das mit uns. Ich packe Möglichkeiten, Lotte packt, was man braucht.

Die Fahrt dauerte laut Navi viereinhalb Stunden, und es wurden dann doch sechs, weil es ab der Hälfte zu schneien begann, erst zögerlich, dann so dicht, dass die Scheibenwischer kaum noch hinterherkamen. Lotte fuhr, ich war zuständig für Süßigkeiten und Theorien. An der Raststätte hinter Ulm kauften wir Gummibärchen und einen Kaffee, der seinen Namen nicht verdiente, und ich entwickelte zwischen Parkplatz und Auffahrt drei Theorien darüber, was mit dem Markt sein könnte. Theorie eins. Die Gemeinde erhöht die Standgebühren. Theorie zwei. Frieda hat Streit mit einem anderen Standler, vermutlich mit der Kuchenfrau, von der sie seit Jahren in einem Ton spricht, in dem andere Leute nicht mal über Wühlmäuse sprechen. Theorie drei kam mir erst hinter München in den Sinn, und sie gefiel mir nicht, also sprach ich sie nicht aus, als könnte man Theorien am Wahrwerden hindern, indem man sie im Handschuhfach lässt.

„Sie hat gesagt, darüber reden wir, wenn du hier bist“, sagte ich stattdessen. „Das hat sie noch nie gesagt. Frieda redet über alles sofort, am Telefon oder notfalls über den Friedhofszaun. Wenn Frieda etwas nicht am Telefon sagen will, dann ist es ernst.“

„Vielleicht will sie es dir einfach persönlich sagen.“

„Nein, Lotte, als mein Onkel Herbert damals sein ganzes Geld in eine Alpaka-Zucht gesteckt hat, hat sie es mir um Mitternacht auf den Anrufbeantworter gesprochen, plus die gesamte Einschätzung der Tiere.“

Lotte schwieg einen Kilometer lang. „Wie war denn die Einschätzung?“

„Sie hat den Alpakas mehr Verstand bescheinigt als Herbert.“

„Ich mag deine Großtante“, sagte Lotte und setzte den Blinker.

Hinter dem Tunnel wurde aus dem Schneefall Schneetreiben, und aus der Landstraße wurde eine weiße Ahnung mit Leitpfosten. Die letzten Kilometer ging es in Serpentinen bergauf, der Kombi arbeitete sich Kurve um Kurve, und ich klebte am Fenster wie früher als Kind, wenn hinter einer bestimmten Felsnase das Tal aufging und meine Mutter sagte, „Gleich siehst du es.“

Und dann sah ich es.

Lichtenbrunn tauchte zwischen den Schneeflocken auf wie etwas, das sich ein Spekulatius-Hersteller für seine Verpackung ausgedacht hatte. Geduckte Dächer unter dicken weißen Hauben, und mittendrin eine Kirche mit einem Zwiebelturm, der sich seit jeher ein kleines bisschen nach links lehnte, als wollte er hören, was im Gasthof geredet wird. Aus den Kaminen kam der Rauch senkrecht in die Dämmerung, in den Fenstern brannte warmes Licht, und für einen Moment war ich wieder acht und roch gebrannte Mandeln durch ein heruntergekurbeltes Autofenster.

Nur, der Marktplatz lag dunkel da.

Ich kannte diesen Platz mein Leben lang nur leuchtend, mit Lichterketten von Kastanie zu Kastanie und dem Geruch von gebrannten Mandeln bis hinauf zur ersten Kurve. Jetzt standen die Hütten da wie zusammengerückte dunkle Schafe im Schnee, kein Licht, kein Dampf, und vor Stand Nummer 7 lehnte eine Leiter, die niemand weggeräumt hatte. Sie wartete da wie ein Beweisstück.

„Hm“, machte Lotte, und das ist bei ihr schon ein ganzer Absatz.

Frieda öffnete die Tür, bevor wir klingeln konnten, was bedeutete, dass sie am Fenster gestanden und die Straße beobachtet hatte. Das machte sie vermutlich seit Stunden, was sie natürlich nie zugeben würde. Sie stand im Flurlicht, klein und aufrecht, das Gipsbein vorgestreckt wie ein erlegtes Jagdtier und gestützt auf einen Rollator, den sie vor sich hielt wie einen Einkaufswagen, mit dem sie es eilig hat. Sie trug ihre gute Strickjacke, die dunkelrote, die sonst nur sonntags Dienst hat, und auf der Ablage des Rollators lagen ein Notizbuch, ein Kugelschreiber und, aus Gründen, die sich mir erst viel später erschließen sollten, ein sehr großer alter Schlüssel.

„Da bist du ja“, sagte sie, als hätte ich mich lediglich zum Kaffee verspätet und nicht gut sechshundert Kilometer hinter mich gebracht. Sie musterte mich von oben bis unten und nickte, als hätte die Lieferung der Bestellung entsprochen. Dann entdeckte sie Lotte hinter mir, und ihre Augenbrauen stiegen um einen Zentimeter. „Und du bist die mit der Mütze.“

„Nein, ich bin die mit dem Topflappen“, sagte Lotte.

Frieda betrachtete sie einen Moment lang sehr genau, so wie sie auf dem Markt Geldscheine gegen das Licht hält, und dann tat sie etwas, das sie bei neuen Menschen fast nie tut. Sie lächelte mit beiden Mundwinkeln gleichzeitig. „Die gefällt mir“, sagte sie zu mir, drehte den Rollator um und schob ihn voran durch den Flur, vorbei an siebzig Jahren gerahmter Familienfotos, in die Küche, aus der es nach Kachelofen und Bratäpfeln roch.

Die Küche war, wie sie immer gewesen war. Der lange Holztisch, die Ofenbank, das Regal mit den Einmachgläsern, deren Etiketten Friedas Handschrift trugen und Jahreszahlen, die Respekt verlangten. Nur eines war neu. Auf dem Küchentisch lag, mit vier Tassen beschwert, als könnte es sonst davonfliegen, ein amtlich aussehendes Schreiben. Ich konnte auf die Entfernung nur das Wappen der Gemeinde erkennen und ein Wort in fetten Buchstaben, das „Beschlussvorlage“ hieß. Daraufhin fing mein Kopf sofort an, leise zu ticken.

„Setzt euch“, sagte Frieda und wuchtete ihr Gipsbein auf den freien Stuhl, den sie offenbar genau dafür bereitgestellt hatte. Sie sah uns beide an, erst mich, dann Lotte, dann wieder mich, und in ihren Augen war etwas, das ich dort noch nie gesehen hatte und erst viel später benennen konnte.

„Schön, dass ihr da seid“, sagte sie, „wir haben nämlich ein Problem, das größer ist als mein Bein.“

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Kapitel 1 · Aufbruch

An diesem Morgen wusste ich es so klar wie Kloßbrühe. Sobald mein Koffer zu war, gab es kein Zurück mehr. Na ja, nur wollte mein Koffer leider partout nicht zugehen.

Überall lag mein Zeug herum. Meine Kleider hatten sich übers ganze Bett verteilt, meine Notizbücher stapelten sich zu schiefen Türmen, und meine Stifte hatten sich längst selbstständig gemacht und rollten über den Boden davon. Das Chaos in meinem Zimmer sah genauso aus wie das Chaos in meinem Kopf, und ehrlich gesagt dachte keins von beiden auch nur ansatzweise daran, sich sortieren zu lassen.

Zwischen zwei Socken vibrierte mein Handy. Rieke. Ich musste nicht mal rangehen, um zu wissen, dass sie es war, die durchklingelte.

„Ich bin fertig“, sagte sie, kaum dass ich mich gemeldet hatte.

Zwei Worte, und schon stieg meine Panik hoch. Ich kämpfte nämlich gerade mit meinem dritten Pullover, der nicht in den Koffer wollte und sich mit jeder einzelnen Masche dagegen wehrte.

„Wie meinst du das, fertig?“

„Na, alles drin und alles abgehakt.“

Natürlich war es das. Sie hatte ihre Listen bestimmt schon dreimal von oben nach unten kontrolliert, während ich immer noch mit einer Handvoll Unterhosen darüber verhandelte, wer von uns beiden jetzt endlich nachgab.

Ich ließ mich rückwärts aufs Bett fallen. „Also gut. Ich bin eben das Kreativgenie, und du bist die Perfektionistin. So haben wir uns das ausgesucht.“

„Wenn du Menschen, die nie ihre Zahnbürste vergessen, Perfektionistinnen nennst, dann bin ich das wohl.“ Sie machte eine kurze Pause. „Und? Bereust du es jetzt schon?“

„Die Reise?“

„Nein. Dass du Sven nicht Bescheid gesagt hast, dass du weg bist.“

Ich schnaubte so laut, dass sie es vermutlich auch ohne Telefon gehört hatte, eine ganze Autostunde weit. „Sven hat mich per Sprachnachricht verlassen. Eine Minute vierzig hat er dafür gebraucht. Ich sehe wirklich nicht ein, warum ausgerechnet er eine ausführliche Antwort verdient hat.“

„Fair“, gab sie zu, und ich hörte richtig, wie sie dabei nickte. „Was will man auch mit einem Mann anfangen, der ‚spontan’ für eine Charaktereigenschaft von Sofas hält.“

„Ganz genau. Und deshalb gilt ab heute nur noch eine Regel. Keine Männer. Nur wir zwei, Irland und unser Buch.“

„Endlich mal ein Plan von dir, unter den ich sofort meinen Namen setze.“

Draußen klatschte der Regen gegen meine Scheibe, und meine Zweifel klatschten leise mit. Ich angelte nach dem obersten Notizbuch und drückte es an mich. Ein Abenteuer, redete ich mir ein, ein echter Neuanfang, und vor allem endlich unser Buch, geschrieben irgendwo weit weg von allem, was uns hier festhielt. Allein bei dem Gedanken kribbelte es in mir wie nach viel zu viel Schokolade auf leeren Magen.

„Holst du mich morgen wirklich ab?“, fragte ich, und es klang zögerlicher, als ich eigentlich wollte.

„Dich samt deinem ganzen Krempel auf dem Rücksitz? Aber natürlich. Betrachten wir es als unser allererstes Abenteuer.“

Wir sprachen noch kurz über die Uhrzeit, dann legten wir auf. Ich blieb liegen und starrte meinen Koffer an, der halb offen und störrisch vor mir lag. Also tat ich, was ich immer tue, wenn mir die Welt zu unordentlich wird. Ich schrieb Listen. Ich verwarf sie wieder und schrieb neue, und obwohl jede Liste kürzer wurde als die davor, wuchs mein Chaos munter weiter. Am Ende besaß ich mehr angefangene Listen, als ein Streamingdienst Fortsetzungen im Angebot hat.

Irgendwann in dieser Nacht, zwischen halb geschriebenen Sätzen und dem gleichmäßigen Trommeln des Regens, musste ich wieder daran denken, wie das alles überhaupt angefangen hatte.

Drei Monate war es her. Café Steiner, unser Fensterplatz, draußen der übliche Regen und drinnen wir beide, jede mit ihrem eigenen Schlamassel im Gepäck. Ich frisch von Sven verlassen, jene berühmte Minute vierzig. Und Rieke, der man in derselben Woche das Projekt weggenommen hatte, an dem sie zwei geschlagene Jahre gearbeitet hatte, um es einem anderen zu überreichen, der sich dafür auch noch loben ließ.

Kennengelernt hatten wir uns Jahre zuvor in einem Buchschreibkurs, einem jener Abendkurse, in die man sich anmeldet, weil man insgeheim hofft, jemand sagt einem endlich, man sei zum Schreiben geboren. Das sagte an jenem Abend niemand. Wir blieben trotzdem hängen, erst als Sitznachbarinnen, später als Schreibbuddys, die sich gegenseitig ihre Textleichen zum Wiederbeleben schickten.

Ich verdiente mein Geld nebenbei als freie Texterin für Werbeagenturen. Tagsüber verwandelte ich fremde Produkte in Herzensangelegenheiten, abends versuchte ich, für mich selbst ebenso ehrliche Sätze zu finden. Kein Wunder also, dass die Idee für ein gemeinsames Buch irgendwann da war. Wir schrieben ja ohnehin ständig füreinander mit.

Wir hatten damals lange in unsere Tassen gestarrt und uns abwechselnd Sätze zugeworfen, die alle mit „Vielleicht sollte ich einfach mal …“ begannen und nie zu Ende kamen, weil keine von uns wusste, wie sie enden sollte.

Dann entdeckte ich sie. An der Pinnwand neben der zischenden Kaffeemaschine, eingeklemmt zwischen einer Anzeige für einen Yogakurs und dem Steckbrief eines verschwundenen Katers namens Herr Müller, hing eine einzelne Postkarte. Sie zeigte ein schiefes graues Cottage, Schafe auf der Wiese, vor einem Meer, das ordentlich Launen und Geheimnisse zu haben schien. Darunter stand in Handschrift geschrieben, dass hier ein Cottage in Connemara zu vermieten war. Ruhig. Sehr ruhig. Nichts für jedermann.

„Nichts für jedermann“, las ich halblaut vor, und irgendwo tief in mir sprang ein Fenster auf, durch das plötzlich frische Luft strömte.

Rieke sah erst die Karte an, dann mich, dann wieder die Karte. Und statt all der vernünftigen Dinge, die sie in diesem Moment sagen konnte, über Kündigungsfristen und Wechselkurse und die Regenwahrscheinlichkeit eines irischen Herbstes, sagte sie nur ein einziges kleines Wort. Genau jenes Wort, das an diesem ganzen Buch die alleinige Schuld trägt.

„Wann?“

So einfach war das gewesen. Die großen Entscheidungen im Leben kamen eben nicht mit Pauken und Trompeten angerückt. Sie hingen an Pinnwänden herum, irgendwo zwischen Yogakurs und verlorenem Kater, und warteten geduldig darauf, dass zwei Frauen mit dem passend zerbeulten Schlamassel vorbeikamen und endlich zugriffen.

Die Nacht schenkte mir Träume aus lauter Buchstaben. Mittendrin stand Rieke und hakte ihre Listen ab, während ich mit beiden Knien auf dem Koffer kniete und ihn zu bezwingen versuchte.

Am Morgen brummte draußen ein Motor, tief und selbstbewusst, und ich fuhr aus dem Bett hoch. Rieke. Sie rollte auf meinen Hof, und ihr Jeep glänzte nass und wuchtig, bereit für so ziemlich alles.

Sie stieg aus und ließ ihren Blick erst über meinen Koffer, dann über mich wandern. „Das ist alles?“

„Natürlich nicht.“ Ich hielt ihr triumphierend meine Büchertasche entgegen, vollgestopft mit Notizbüchern und Stiften und lauter Dingen, die für mich überlebenswichtig und für normale Menschen vollkommen überflüssig waren.

Sie hob nur eine Augenbraue und öffnete wortlos die Heckklappe. „Rein damit.“

Ich wuchtete mein Gepäck und meine Tasche in den Kofferraum, klopfte mir zufrieden die Hände ab und ließ mich auf den Beifahrersitz fallen. Für einen kurzen Moment war alles vollkommen neu. Die Luft, das Licht, dazu die schlichte Gewissheit, dass wir jetzt wirklich losfuhren.

„Stell dir nur vor“, flüsterte ich, „das hier ist der Anfang von einem richtigen Märchen.“

Rieke startete den Motor, ohne mich anzusehen. „Solange wir am Ende nicht gefressen werden, soll mir das recht sein.“

Ich musste grinsen. „Und selbst dann höchstens als Vorspeise.“

Ihr Jeep setzte sich in Bewegung, hinaus in den Regen, hinein in unseren Aufbruch.

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